Heilbronn, Besigheim und die Hessigheimer Felsengärten

Ein radelnder Reporter unterwegs am Neckar, in Heilbronn und in den Weinbergen.

 

 

Ein Ritter, dessen Schimpfkanonade in den deutschen Sprachgebrauch einging, guter Wein, eine dramatische Liebesgeschichte und ein amerikanischer Präsident, der Baden-Württemberger ist.

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In Weinbergen zu wandern, besonders während der Weinlese, bietet manche schöne Überraschung,  neue Kenntnisse und bestätigte Vorurteile,

wenn letztere (vorerst) auch nur oberflächlich bleiben. So lässt sich unsere kleine Gruppe von einem ortsansässigen Mitglied motivieren, Ende September 2012 Heilbronn und die naheliegenden Weinberge zu besuchen.

Unser erster Trip führt uns in die Weinberge und die „Felsengärten“ zwischen Besigheim und Hessigheim. Die Sonne an diesem „Altweibersommer-Tag“ scheint heftig, Kopfbedeckung und eincremen ist angesagt. Aufkeimendes Mitleid mit den in dieser Hitze in den Weinbergen arbeitenden Mitmenschen vergeht schnell als wir deren gute Stimmung spüren und daran teilhaben dürfen. Die Ernte ist reichlich – und so werden wir ohne fragen zu müssen reichlich mit roten Trauben verwöhnt.  Während wir diese probieren, erhalten wir auch die eine und andere Information über die Weinsorte und – besonders interessant – die Oechslewaage erklärt, mit der der Zuckergehalt desWeins ermittelt wird. Das der Oechslewaage zugrunde liegende Prinzip (Zucker ist schwerer als Wasser und somit kann der Zuckergehalt in Relation zur Flüssigkeit ermittelt werden) war bereits seit Jahrhunderten bekannt, als Ferdinand Oechsle (Mechaniker aus Pforzheim, geb. 26. Dez. 1774, gest. 17. März 1852) um 1820 eine praktische Skalierung einführte. Diese wurde nach ihm benannt und ist bekannt als „Oechsle-Skala“. Wie diese Messung funktioniert, zeigt uns ein Weinbauer, sicherlich auch in Freude über seine reichhaltige Ernte und der sehr guten Qualität seines Weins. Nicht nur Eigenwerbung, sondern sehr gut nachvollziehbar auch sein Plädoyer dafür, möglichst regionale Weine zu trinken: denn jeder Transport verbraucht nicht nur Ressourcen und erzeugt CO2, sondern schadet letztendlich auch dem empfindlichen Wein. So bestätigt er letztlich meine Angewohnheit als sinnvoll, vor Ort regionale Weine zu trinken – und wenn ich mal nach Australien reise, dann natürlich dort australische Weine, die zu Recht einen guten Ruf genießen.

 

Weiter geht’s in die „Felsengärten“ (Foto unten links). Mir reicht schon der Adrenalinschub, der mir widerfährt, als ich die steilen Abhänge herunterschaue – offensichtlich nicht den Kletterern, die wir gewahr wurden: deren Bedarf an Adrenalin musste um einiges höher gewesen sein. Ob es nun Übungshänge waren oder schon Felsen mit höheren Anforderungen an geübtere Kletterer – auf jeden Fall wäre die von Kletterern stark frequentierte Steinmauer der Eisenbahnbrücke bei Köln-Deutz für die dort in den Seilen „Hängenden“ öde langweilig. Auch wenn`s lästerlich ist von mir: ich jedenfalls schaue mir lieber die wunderschöne Neckarschleife von oben an als eine 15 cm vor meiner Nase befindlicheFelswand.

 

Heilbronn, unfreiwillige Herberge eines groben „Raufboldes“, aber auch eine Heimstätte der Liebe.

Den Abend verbringen wir in Heilbronn, wo uns zu Anfang unserer Sightseeing-Tour ein Turm auffällt, dessen Dach eine Skulptur ziert. Es handelt sich um den „Götzenturm“ und die Skulptur soll Ritter Götz von Berlichingen (geb. um 1480, gest. 23. Juli 1562) darstellen. Von spätestens 1502 an bis 1544 beteiligte er sich mit kurzen Unterbrechungen an Fehden, am Bauernkrieg und am Kampf gegen die Türken. Während einer dieser Fehden, dem Krieg zwischen dem Schwäbischen Bund und Herzog Ulrich von Württemberg wurde er von den Schwaben gefangen genommen und im „Bollwerkturm“ in Heilbronn festgesetzt – und nicht im „Götzenturm“. Allerdings verbrachte er hier nur eine Nacht und durfte danach auf Fürsprache des Franz von Sickingen und Georg von Frundsberg diese ungastliche Stätte mit dem Gasthaus zur Krone tauschen, wo er seine Gefangenschaft in „ritterlicher Haft“ verbrachte. Unsterblich geworden ist dieser Ritter durch Goethe und offensichtlich auch durch seine grobe Botschaft (mit einem Wort „gewürzt“, das man nach Aussage eines fünfjährigen Kindes „nicht sagen darf“).

 

Nicht nur Johann Wolfgang von Goethe hat es Heilbronn angetan, auch Heinrich von Kleist lässt eines seiner Werke hier spielen: das „Kätchen von Heilbronn“. Die „Kätchenstadt“ auch „Stadt der Liebe“? Warum nicht? Immerhin überlässt sie ein Brückengeländer – erheblich stabiler aussehend als das in Paris zusammengebrochene Geländer der „Pont des Arts“ – Liebenden als „Liebespunkt“. Entsprechend der Inschrift „… der Ewigkeit gewidmet …“ bringen sie dort ihre „Liebesschösser“ an – so wie zum Beispiel auchin Köln, Eisenbahnbrücke – und werfen deren Schlüssel in die Fluten, auf dass ihr „Liebesschloss“ niemals wieder geöffnet werden kann. Wünschen wir ihnen, dass ihre Liebe zwar spannend und anregend, aber bei weitem nicht so dramatisch verläuft, wie die des „Kätchen von Heilbronn“.

 

Wie so viele Städte hat auch Heilbronn ihre Entstehung einer verkehrsgünstigen Lage zu verdanken. Hier, an einer günstigen Stelle zur Überquerung des Neckars trafen sich schon in der Antike zahlreiche Verkehrswege. Die ältesten menschlichen Spuren, die hier gefunden wurden, stammen aus der Altsteinzeit (ca. 30.000 vor unserer Zeitrechnung, als der Cro-Magnon-Mensch im Südwesten Frankreichs die ersten Kunstwerke schuf – Höhle von Lascaux). Als Ort jedoch wird Heilbronn – zur damaligen Zeit „Villa Helibrunna“ genannt – erstmalig um 741 in einer Schenkungsurkunde erwähnt. Ab etwa 1050 entwickelte sich diese Ansiedlung dank ihres Marktes und ihres Hafens wirtschaftlich gut. Im Jahre 1281 wurde Heilbronn das Stadtrecht verliehen und etwa 1333 das sogenannte „Neckarprivileg“, ein Privileg, das der Stadt einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung bescherte. Heute zählt Heilbronn etwa 120.000 Einwohner. Die massiven Zerstörungen während des Luftkrieges 1944 sieht man der City deutlich an. Einige sehr schöne historische Gebäude in der Innenstadt wurden wieder aufgebaut, so unter anderen das „Deutschordensmünster“ und das „Kätchenhaus“. Dennoch sind die für deutsche Städte so typischen Bausünden der Nachkriegszeit – den Kosten und der Zeitnot beim Wiederaufbau geschuldet – hier eher prägend.

Übrigens, wer nach Heilbronn reist und etwas mehrZeit mitbringt, der sollte unbedingt das „NSU-Museum“ in Neckarsulm besuchen: zu sehen sind dort eines der ersten Fahrräder, ein umfassender Überblick über die Motorisierung (vorwiegend Zweiräder betreffend), eine Milchbar der 1960`er-Jahre (natürlich mit Jukebox) und eine Simulationsanlage für Motorradrennen.   

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Besigheim, die „Malerstadt“ an der Mündung der Enz in den Neckar gilt als eine der schönsten Weinstädte Deutschlands – und das schon im ausgehenden 19. Jahrhundert.

Zwei, drei Tage in Heilbronn sind einfach zu wenig! Was der Besucher sich auf keinen Fall entgehen lassen darf, dazu zählt auch der historische Stadtkern von Besigheim. Besigheim fällt dem Reisenden schon von Ferne auf durch die Höhenlage des Stadtkerns mit dem „Schochenturm“ und das „Steinhaus“  – egal aus welcher der Himmelsrichtungen er sich der Stadt nähert. Hier fallen mir schöne, reichlich verzierte Fachwerkhäuser auf  und nicht zuletzt auch das alte Werbeschild einer ehemaligen Drogerie mit der Inschrift „Drogen, Chemikalien, Haar- und Kopfwasser, Seifen, Parfums, Toilettenartikel“. Unter„Drogen“ wurden hier selbstredend keine Rauschgifte verstanden.

Erstmalig erwähnt wird  Besigheim 1153 in einer Schenkungsurkunde als „curtis Basincheim“. Die Beschenkte, das Kloster Erstein im Elsass, musste den Ort auf Befehl von Kaiser Friedrich Barbarossa an den Markgrafen Hermann von Baden weitergeben. Dessen Nachfahren bauten Besigheim schließlich unter Nutzung seiner einmaligen Lage zu  einer Festung aus.

Die Stadtrechte erhielt Besigheim um 1277. Einen ersten wirtschaftlichen Aufschwung vollzog Besigheim im 15. Jahrhundert dank des Weinanbaus und  der Flößerei auf der Enz. In dieser Zeit wurden unter anderem die Stadtkirche, das Rathaus und Bürgerhäuser errichtet, die heute noch den Altstadtkern prägen. Einen zweiten wirtschaftlichen Schub verdankte Besigheim der 1848 neu errichteten Eisenbahnlinie Stuttgart – Heilbronn und der damit einhergehenden Ansiedlung von Gewerbe- und Industriebetrieben.

Die schlimmsten Zeiten erlebte die Stadt – seit 1556 protestantisch – während des Bauerkrieges, des „Dreißigjährigen Krieges“ und der Pest.

Heute zählt Besigheim etwa 12.000 Einwohner und ist überzeugt, dass Barack Obama ein Besigheimer ist: einer der Vorfahren seiner Mutter wurde am 29. Juli 1729 in Besigheim geboren und wanderte 1750 in die „Neue Welt“ aus.

Bester Wein in schwieriger Hanglage am Hessigheimer Felsengarten 

 

Bester Wein in schwieriger Lage

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